Irgendwann fragt sich doch jede/r einmal, ob er/sie einer der glücklichen Erdenkinder ist. Ob die Entscheidungen, die er/sie getroffen hat, auch die richtigen waren. Was wäre wenn? Eine Frage, die man sich wohl öfter im Leben stellt. Man denkt zurück und wägt die damals vorhandenen Handlungsalternativen ab. Man überlegt, ob sich irgendetwas verändert hätte oder das Leben heute in anderen Bahnen verlaufen würde. Immerhin kann schon ein einziger Moment alles entscheiden. Was wäre, wenn man noch länger sitzengeblieben wäre? Was wäre, wenn man nicht einen Schritt schneller gegangen wäre? Was wäre, wenn man die Bahn nicht noch bekommen hätte? So oder so ähnlich läuft es meistens.
Nehmen wir den gestrigen Abend. Im Unikino läuft eine Doppelvorstellung, dazu gibt es bei passendem Film-Styling einen White Russian for free und auch sonst ist für Unterhaltung gesorgt. Einziges Problem: Die Veranstalter haben völlig verdrängt, dass Leipziger Straßenbahnen nur in begrenztem Maße in der Nacht verkehren. Kein Problem, denkt der optimistische Student und flitzt nach dem letzten Film zur Haltestelle und sieht Leere … gähnende Leere auf der Anzeigetafel. Die ersehnte Bahn kommt erst in 20 Minuten und damit wäre die letzte Bahn am Hauptbahnhof unerreichbar. Aber aufgeben tut er nicht. Er ist zäh und fordert seinen Begleiter auf, sich zügig per Pedis in Richtung Heimat aufzumachen. Los geht`s also im Stechschritt … der Körper ist steif vom langen Sitzen, die Beine sind müde durch die quälenden Hörsaalbänke, die Füße schmerzen von scharfen Schritten in nicht dämpfenden Flipflops. Aber schnell geht es voran, Haltestellen fliegen an den Studenten vorbei. Plötzlich aus heiterem Himmel eine Bahn … eine Bahn mit der sie nicht gerechnet hätten, eine Bahn die sie schneller ihrem Ziel näher bringt. Doch wird sie halten? Werden sie die Bahn noch kriegen? Ein Endspurt muss her! Geschmeidig wie Katzen gleiten sie über die Straße und schließlich hinein in die Bahn. Im Handumdrehen ist der Bahnhof zum greifen nah. Nur noch zur nächsten Haltestelle quer über den Platz. Die letzten Meter, die Anzeigetafel im Blick, verschwommene Schrift … doch Hoffnung keimt, immer näher, ein Aufschrei! Wie kleine Kinder freuen sich die Studenten über ihren Sieg, den Sieg gegen die Zeit. Sie steigen in die Bahn – die Bahn, die sie in dieser Nacht sicher nach Hause bringen wird … und sie sind glücklich. Sie bereuen keine ihrer heutigen Entscheidungen.